Atheisten: “Besser Klappe halten”

Wer an Indien denkt, der hat oft Bilder von vier-armigen Gottheiten mit Elefantenköpfen im Sinn. Doch im 21. Jahrhundert erweist sich diese Vorstellung zunehmend als Stereotyp. Denn in der neuen Mittelklasse melden sich auch jene zu Wort, die nicht glauben. Doch repressive Gesetze aus der Kolonialzeit gängeln noch immer Indiens Atheisten.

Der Shiva Linga Schrein, Elephanta Caves nahe Mumbai: „Der Stein, den die anderen so hingebungsvoll anbeteten, war für mich immer ein Stein geblieben“

Indien ist eine säkulare Demokratie. Religion und Staat sind von einander getrennt, das garantiert die Verfassung. Warum also sollte das Leben eines Atheisten auf dem Subkontinent ein anderes sein als in anderen säkularen Ländern?

Ein Student aus Mumbai, der sich selbst als Non-Believer also Nicht-Gläubigen bezeichnet, findet auf diese Frage eine ganz persönliche Antwort. „Weil mich meine Freundin gerade verlassen hat“, sagt der 23-jährige Kanishka Rustom. Er absolviert am St. Xaviers College einen Masterstudiengang in Sozialwissenschaften. „Wir haben uns geliebt alles war perfekt, sogar ihre Eltern mochten mich.“ Doch die Gunst des Elternhauses hielt nicht lang. Denn in Indien kommt die Frage nach der Religion meist noch vor der Frage nach dem Einkommen. Und die Antwort, dass ahnte Kanishka, würde Schwierigkeiten bereiten. Er sei doch Hindu, wollten des Mädchens Eltern wissen. Der zwei Meter große, sonst so selbstsicher wirkende Mann begann, zu stammeln und zu stottern.

„In Indien hältst du als Atheist am besten die Klappe“, sagt Kanishka heute, wenige Tage nach der Trennung. „Aber wenn mich jemand fragt, dann will ich einfach nicht mehr schweigen.“ Der 23-Jährige erklärte den Eltern er glaube nicht an Vishnu, nicht an Krishna, nicht an Shiva und auch an keinen anderen Gott. Seit dem ist er wieder Single.

Drei Mal Paneer, vier mal Hühnchen und sieben Thums Up

Studien über die Religiosität der indischen Bevölkerung kommen in ihren Ergebnissen zu sehr unterschiedlichen Angaben. So seien drei bis sechs Prozent der Bevölkerung ohne Glauben. Zum Vergleich: in Deutschland, dass ein im weltweiten Maßstab eher areligiöses Land ist, glauben laut dem Eurobarometer aus dem Jahr 2005 25 Prozent der Befragten, dass es keinen Gott gebe. Rechnet man jedoch den vergleichsweise geringen Prozentsatz der indischen Atheisten auf die Gesamtbevölkerung um, schwanken die Zahlen immerhin von 36 bis zu 72 Millionen Menschen. Und Kanishka ist einer von ihnen.

Heute, an einem Sonntag zur Mittagszeit, trifft er sich in Colaba, dem südlichsten Zipfel Mumbais mit anderen Nicht-Gläubigen. Im „Bagdadi“ einem kleinen Restaurant unweit des Gateways of India drängt er sich mit den sechs jungen Männern an den letzten freien Tisch. Die Einrichtung des Etablissments beschränkt sich auf das Notwendige: Tische, hölzerne Sitzbänke und ratternde Ventilatoren, die die dicke Luft in dem sechs mal sechs Meter zählendem Raum umwälzen. Am Morgen noch schüttete es eine Sintflut vom Himmel über Mumbai – der Regen hat sich gelegt, doch nun gleicht die 30 Grad heiße Luft einem Dampfbad.

Kanishka und den Anderen stehen Schweißperlen auf der Stirn. Trotzdem kann Berührungsangst wahrlich keine Rede sein. Die sieben Atheisten quetschen sich auf den beiden letzten Sitzbänken so dicht aneinander, dass sie ihre Oberarme nicht vom Körper bewegen können. Um die Hände vom Essen zum Mund zu führen, werden ihnen nur die Unterarme bleiben.

„Ich bezeichne mich eigentlich lieber als Nicht-Gläubigen, anstatt als Atheisten“, sagt Chinmay Kulkarni. Obwohl er erst 27 Jahre alt ist, zeigen sich schon viele graue Haare auf seinem Kopf. „Diese ganzen -Ismen klingen immer gleich so abschreckend nach einer weiteren Ideologie“, sagt er. „Aber ich glaube einfach nicht an Gott. Das ist alles.“

Chinmay verstummt, denn der Kellner naht mit einem großen silbernen Tablett. Es gibt drei vegetarische Essen mit Paneer, also einem indischen Käse und vier Mal Hühnchen mit Reis. Dazu für jeden eine Flasche „Thums Up“, die indische Cola-Version. In die Mitte der Runde stellt der Kellner ein mit grünen Chilischoten gefülltes Metallschälchen, in das die Sieben auch beherzt zugreifen werden.

 „Endlich verstand ich, dass mit mir alles in Ordnung ist“

Jeder hier am Tisch kann die Geschichte einer von Göttern geprägten Kindheit erzählen. Chinmay berichtet den Anderen, er habe schon als Kind gespürt, dass er anders war als seine Familie. „Der Stein, den die anderen so hingebungsvoll anbeteten, war für mich immer ein Stein geblieben“, sagt der Ingenieur heute. Doch Chinmay haderte mit sich selbst. „Ich dachte immer, dass mit mir etwas nicht stimmt.“ Deshalb behielt er seinen Zweifel für sich und schwieg.

Nachdem er seine Schule absolviert hatte, galt es im lokalen Tempel eine Spende vorzubringen, so sieht es die Tradition seiner Familie vor. „Neun Stunden lang, stand und wartete ich in einer blöden Schlange, um dann kurz ein Idol anzubeten und in den prall gefüllten Geldsack hinter ihm einen großen Geldschein reinzuwerfen.“ Chinmay lacht und schüttelt ungläubig den Kopf. „Damit bauen sie dann ihre Tempel größer und prächtiger, während die Menschen auf der Straße leben.“

Frustriert spielte Chinmay den Gläubigen, der er nicht war. Als Teenager fühlte er sich isoliert und einsam mit seinen Gedanken und Gefühlen. Doch der junge Ingenieur sollte bald herausfinden, dass er nicht allein war.

Chinmay klinkte sich in das Internet ein und stieß schnell auf Gleichgesinnte. Er lernte, dass Indien nicht nur antike Religionen sondern auch jahrhundertealte atheistische Schulen beheimatet. “Endlich verstand ich, dass mit mir alles in Ordnung ist”, sagt er heute.

Das weltweite Netz ist für Chinmay und seine Generation so selbstverständlich geworden wie für die Jugend im Westen – zumindest in der indischen Mittelschicht. Dank des Cyberspaces stehen ihnen heute weit mehr Informationen zur Verfügung als es noch vor 20 Jahren der Fall war. Kritische Stimmen verstummen nicht mehr in Einsamkeit, sondern finden Gehör in den Foren der sozialen Netzwerke.

Atheisten im World Wide Web

Chinmay, Kanishka und die anderen sehen sich heute zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht. Kennengelernt haben sie sich im Internet über die 400 Mitglieder zählende Facebook-Gruppe „Mumbai Freethinkers“. In allen großen Städten Indiens – in Delhi, Kolkata, Hyderabad, Bangalore, Pune, Kochi und Chennai – chatten Atheisten in solchen Freidenkergruppen.

Nirmukta, der Dachverband dieser regionalen Gruppen, schreibt es sich auf die Fahne „Wissenschaft, Freidenkertum und säkularen Humanismus“ in Indien, zu fördern. Nirmukta ist ein Wort aus der alt-indischen Sprache Sanskrit, das am ehesten mit „befreit“ oder „emanzipiert“ übersetzt werden kann. „Als Nirmukta haben wir uns von Dogmen, Orthodoxie und Vorurteilen befreit“, heißt es auf der Website des Vereins.

Und genau um diese Themen geht es auch auf den Seiten der Freidenker. Sie rufen zur Solidarität mit religiös Verfolgten auf, diskutieren neuste wissenschaftliche Erkenntnisse wie das sogenannte “Gottesteilchen” Higgs-Boson oder sie teilen einfach nur das jüngste Playboy-Interview mit dem Evolutionsbiologen Richard Dawkins.

Koloniale Gesetze und verletzte Gefühle

Hält das reale Indien, was die Verfassung verspricht? 1949 verabschiedet, deklariert deren Präambel Indien als souveräne, sozialistische, säkulare, demokratische Republik. All ihren Bürgern sollen Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit garantiert werden

Der indische Staat begünstige zwar offiziell weder den Hinduismus noch einen anderen Glauben, doch immer wieder schleiche sich das Religiöse in die Politik des Landes ein, sagt Kanishka. “In einigen Bundesstaaten stehen auf den Besitz von in Indien geschlachtetem Rinderfleisch sieben Jahre Gefängnis.” Die Kuh ist Hindus heilig, das Töten des Tieres nach Ansicht vieler Gläubiger verboten. “Aber warum essen wir Schweine, die den Muslimen als unrein gelten”, fragt der Student. Doch alles in allem, resümiert Kanishka, sei „Indien ein säkularer Staat mit einer großen Reibungsfläche zwischen Religion und Staat”.

Wie schnell sich an dieser Reibfläche Konflikte entzünden können, zeigt der Fall eines Studenten aus Hyderabad. Am Feiertag zu Ehren des in Affengestalt dargestellten Hindu-Gottes Hanuman, erwiderte der Student den Gott preisenden Gruß eines Gläubigen mit den Worten: „Es gibt kein Gott“. Der Student wurde von der Polizei verhaftet und unter dem Abschnitt 295A, des Indischen Strafgesetzbuches angeklagt – dem sogenannten Blasphemiegesetz.

Während sich Indien nachdem es die Unabhängigkeit erlangte eine neue von Indern geschriebene Verfassung gab, wurden weite Teile des kolonialen Strafrechtes Britisch-Indiens nach 1947 unhinterfragt übernommen.

So auch der 1927 in Kraft getretene Abschnitt 295A worin es heißt: „Wer auch immer absichtlich und mit der bösartigen Absicht religiöse Gefühle zu empören gleich welcher Klasse indischer Bürger [...], die Religion oder religiöse Gefühle dieser Klasse verletzt oder versucht zu verletzen, soll mit einer Gefängnisstrafe von bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe oder beidem bestraft werden.“ (siehe englischen Originaltext*)

Tränen aus der Toilette

Immer wieder greifen religiöse Eiferer auf dieses verstaubte Gesetz zurück. Der jüngste Streitfall der im Mai 2012 Wellen in den indischen Medien schlug, dreht sich um ein vermeintliches Wunder in Bandra, einem relativ wohlhabenden Stadtteil Mumbais. Dort tropft von dem Fuße eines steinernen Kruzifixes Wasser herab. Obwohl die Offiziellen der Kirche keine Stellung dazu beziehen, spricht die katholische Gemeinde vor Ort von einem Wunder. Sie trinken die, wie sie glauben, herabtropfenden Tränen des Gottessohnes, in der Hoffnung sie hätten heilige Kräfte.

Sanal Edamaruku hingegen schaute etwas genauer hin. Er ist der Präsident der Indian Rationalist Association, einer nach eigenen Angaben 100 000 Mitglieder zählenden Freiwilligenorganisation die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den in Indien weit verbreiteten Aberglauben auszutreiben. Edamaruku hat sich in den drei Jahrzehnten als Berufsaktivist schon mit vielen Glaubensgemeinschaften angelegt, mit Hindus und Muslimen ebenso wie mit einflussreichen Yoga-Gurus. Und auch das was Edamaruku in diesem Fall herausfand, musste einen Aufschrei provozieren. Denn es handele sich nicht um göttliche Tränen, erklärte er, sondern um ein leckgeschlagenes Abwasserrohr einer Toilette – Gottes Tränen ein Gesundheitsrisiko.

Die christliche Gemeinde war außer sich und beschuldigte den Atheisten „anti-katholisches Gift“ zu verbreiten. Mehrere Beschwerden wurden bei der Polizei eingereicht – sie beriefen sich alle auf Abschnitt 295A.

Damit verhalte sich die katholische Gemeinde, so Edamaruku gegenüber AFP wie „islamische Fundamentalisten“, die kritische Stimmen einschüchtern würden. Edamaruku ist ein Medienprofi der es versteht sich ins recht Licht zu rücken. Ihm ergehe es, wie dem in Mumbai geborenen Autor der „Satanischen Verse“, Salman Rushdie.

Dessen umstrittenes Buch ist in Indien über zwanzig Jahre nachdem es erschien noch immer mit einem Importverbot belegt, weil es angeblich den Islam beleidige. Als im Januar 2012 vier Autoren auf dem Jaipur Literature Festival Passagen aus dem Buch öffentlich vortrugen, löste das Proteste von aufgebrachten Muslimen aus und die Vortragenden verließen aus, wie sie sagten, Furcht um ihr Leben das Festival.

Die eigentliche Strafe ist der jahrelange Gerichtsprozeß

In den vergangenen sechs Jahrzehnten seit dem Indien seine Unabhängigkeit errung, wurden diverse Gerichtsverfahren aufgrund des besagten Abschnittes 295A angestrebt. Doch nur in wenigen Fällen kam es auch zu einer Verurteilung. Oft siegte das Recht auf Meinungsfreiheit. Also alles in bester Ordnung?

Nein, sagt Narendra Nayak, Präsident der Federation of Indian Rationalist Associations. „Die eigentliche Strafe liegt in dem Gerichtsprozess selbst der einige Jahre bis ein paar Jahrzehnte dauern kann.“ Der Angeklagte werde solange mit Gerichtsverfahren überzogen bis er finanziell oder mit den Nerven am Ende sei.

„So wie viele andere archaische Gesetze, die von unseren kolonialen Herren geschrieben wurden, dient auch Abschnitt 295A dazu ihre Vasallen, zu teilen und unterzuordnen.“ Die Mächtigen von heute machten sich die Gesetze von damals zu eigen, um Andersdenkende zu schikanieren. Und so wie die einstigen Kolonialherren diese Gesetze in ihren Heimatländern in den Mülleimer wandern ließen, verdiene 295A das gleiche Schicksal.

“Wenn eine Person das Recht hat seine Religion zu propagieren, warum sollten wir nicht das Recht haben deren Religion offen in Frage zu stellen”, fragt Kanishka. “Das ist unser konstitutionelles Recht und das kann uns niemand nehmen.”

 

*Whoever, with deliberate and malicious intention of outraging the religious feelings of any class of citizens of India, by words, either spoken or written, or by signs or by visible representations or otherwise, insults or attempts to insult the religion or the religious beliefs of that class, shall be punished with imprisonment of either description for a term which may extend to three years, or with fine, or with both. (Section 295A, Indian Penal Code)

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